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< INDISCHE KLOSTERKÜCHE IN BAYERN
30/12/12 22:32 Alter: 5 yrs
Kategorie: Zeitungsartikel

LIEBE ALS WICHTIGSTE ZUTAT

Im Kloster auf der Fraueninsel steht Nicky Sitaram Sabnis am Herd. Der Inder leistet Pionierarbeit und will die ayurvedische Küche etablieren.


FRAUENINSEL. „Ayurveda ist keine Religion, sondern eine Lebenseinstellung”, erklärt Nicky Sitaram Sabnis. Mit Kopfständen und Mantrasingen habe das nichts zu tun, betont der Inder. Dennoch haben das viele Einheimische geglaubt, als er vor 14 Jahren am Chiemsee ankam. „Viele wissen immer noch nicht, was ich mache”, meint der 51-Jährige grinsend. Bei den Leuten ist er eben „der Nicky”, der oft lächelt, immer gut drauf ist. Auffallen tut der schmächtige Mann mit der braunen Hautfarbe natürlich, wenn er von Gstadt aus auf die Fraueninsel übersetzt. Dort haben die Seminargäste im Benediktinerinnenkloster die Wahl zwischen bayerischer Kost und Sabnis’ ayurvedischer Küche. Ein Hindu im Kloster? Das sei kein Problem, winkt er ab. „Gott ist überall.” 
Göttliche Fügung könnte es auch gewesen sein, dass Nicky Sitaram Sabnis auf der Fraueninsel gelandet ist. Oder besser gesagt: angekommen. „Willst du die lange oder die kurze Version?“, fragt er grinsend und beginnt zu erzählen. In seiner Heimat Bombay macht er in jungen Jahren Karriere als Koch. Doch etwas fehlt: eine Frau an seiner Seite. Er lernt über eine Partnervermittlung - in Indien nichts Ungewöhnliches - seine Frau kennen. Sie heiraten, bekommen eine Tochter. Dann verlässt sie ihn mitsamt Kind. „Zwei Jahre habe ich überall gesucht“, erinnert sich Sabnis. Hoffnungslos, in einem Land ohne Einwohnermeldeamt. 

Auf einmal will er nur noch weg, erzählt er. „Nur schnell raus aus Indien.” Ein Bekannter verschafft ihm eine Stelle in einem Lokal in der Nähe von München. Er zieht nach Bayern, kocht und kocht und kocht und erkrankt fernab der Heimat schwer. Bauchspeicheldrüse, Milz und ein Teil des Magens müssen entfernt werden. Der Koch magert auf 30 Kilo ab. „Die Ärzte hatten keine Hoffnung mehr.” Doch er rafft sich auf, wird trotz schwerer Diabetes gesund. „Wille, Kraft und Hoffnung haben mich gerettet”, sagt er. „Und die Liebe. Ohne Liebe geht es nicht.” Die gibt ihm seine Frau, die er in der Klinik kennengelernt hat. 
Dann führt ihn das Schicksal auf die Fraueninsel. Bei einem Ausflug bemerkt er dort ein Plakat für einen Qi-Gong-Kurs im Kloster und ergreift die Initiative. „Ich habe angerufen und angeboten, für die Kursteilnehmer zu kochen.“ Skeptisch sei er schon gewesen, das gibt der Hindu zu. „Dort ist ja alles sehr katholisch.” Doch es kommt ganz anders. Beim Probekochen ist die Leiterin des Seminars, Schwester Scholastica McQueen, begeistert von seinen Kochkünsten, nimmt ihn bei der Hand und meint nur: „Du bleibst jetzt da.“ Sie sei seine Rettung gewesen. „Ich bin ihr so dankbar. Ich kann das gar nicht in Worte fassen.” Mit neuer Kraft reist er schließlich nach Indien und findet endlich seine Tochter. Sein Glück ist perfekt. 

Seit 14 Jahren können Seminarteilnehmer Sabnis’ ayurvedische Küche genießen. Zudem gibt er auf der Fraueninsel Kochkurse und bildet Köche nach der ayurvedischen Kochlehre aus. „Ich liebe meinen Beruf”, lacht er. „Ich bin der glücklichste Mensch der Welt, wenn ich kochen kann.” Mit seiner Firma „Laxmi Foods & Services” bietet er Gewürze an, in Gstadt fördert er mit einem Ayurveda-Zentrum die indische Kultur. Auch dort gibt er ab dem Sommer Kochkurse. Großen Erfolg hat der 51-Jährige auch als Autor: Soeben ist sein sechstes Kochbuch erschienen. 
Dabei hat „der Nicky” noch ganz andere Ziele. „Meine Vision ist, dass es auch Ayurveda-Restaurants in unserer Region gibt.” Dafür leistet er Pionierarbeit. Kochen nach der indischen Gesundheitslehre habe durchaus das Zeug, sich zu etablieren. „Pizza und Döner haben vor einigen Jahren ja auch noch kaum Leute gekannt.” Im Gegensatz dazu beschweren Gerichte nicht, die nach den Grundsätzen der Ayurveda zubereitet sind. „Sie machen satt und glücklich.” 
Und Nicky Sitaram Sabnis hat es sich auf die Fahne geschrieben, die Leute zum Kochen zu motivieren. „Man kann auch mit regionalen Produkten ayurvedisch kochen.” Die wichtigste Zutat: Liebe. „Nur was mit Liebe gekocht ist, hat eine direkte Verbindung zur Gesundheit. Und Gesundheit brauchen wir alle.” 

Judith Schmidhuber 12.04.2011