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< „HIER BIN ICH DER KLOSTERHINDU“
30/12/12 22:48 Alter: 5 yrs
Kategorie: TV-Bericht

AYURVEDA-KOCH IM GESPRÄCH MIT GABI TOEPSCH

Sendung vom 27.4.2012, 21.00 Uhr


Toepsch: Herzlich willkommen zu alpha-Forum, unser Gast heute ist Nicky Sitaram Sabnis, ein indischer Koch aus Mumbai, der in einem bayerischen Frauenkloster ayurvedische Gerichte serviert. Herr Sabnis, schön, dass Sie da sind. 

Sabnis: Ich grüße Sie, Frau Toepsch. 

Toepsch: Ihr große Küche steht auf einer Insel im Chiemsee: auf der Fraueninsel in einem der ältesten Frauenklöster Deutschlands, bei den Benediktinerinnen von Frauenwörth. Wer sitzt denn da mit am Tisch, wenn Sie ayurvedische Gerichte servieren? 

Sabnis: Das sind die Seminargäste, denn dort in diesem Kloster finden viele Seminare statt. Die Hausgäste im Rahmen eines Seminars können auswählen: Sie können entweder zum Klosterwirt gehen oder sie können zu uns kommen. Und bei uns bekommt man eben ayurvedisch-vegetarische Speisen. 

Toepsch: Sind ayurvedische Gerichte denn automatisch vegetarisch? 

Sabnis: In den Texten findet sich nirgendwo ein Verbot von Fleisch: Es gibt in der ayurvedischen Küche sowieso keine Verbote, also auch kein Fleisch- oder Alkoholverbot. Es geht stattdessen immer um die Frage: für wen, warum, wann und welche Dosierung? Es kommt also auf die Frage an, woher das Fleisch kommt. Stammt es von einem Biobauern? Oder wurden die Tiere zuerst einmal in irgendeinem Viehlaster quer durch Europa transportiert vor dem Schlachten? So etwas ist natürlich nicht schön. 

Toepsch: Essen Sie denn auch mal einen schönen, knusprigen, bayerischen Schweinsbraten? 

Sabnis: Ich selbst esse kein Fleisch. Ich bin Vegetarier. Als ich noch in Indien gelebt habe, habe ich auch Fleisch gegessen, aber seit ich hier in Deutschland bin, bin ich Vegetarier. Aber ab und zu eine geräucherte Renke ist schon etwas Feines. 

Toepsch: Fisch ist aber doch auch Fleisch. 

Sabnis: Ja, aber ich komme aus Goa, und die Menschen auf Goa essen manchmal drei Mal am Tag Fisch. Heute gehe ich hin und wieder zu meinem Lieblingsfischer und hole mir eine Renke. 

Toepsch: Es bietet sich natürlich an, auf dieser Insel auch Fisch zu essen, aber geräucherter Fisch hat keine ayurvedischen Gewürze. Die ayurvedische Küche ist ja etwas ganz, ganz Spezielles: Was kommt denn da so auf den Tisch, wenn Sie z. B. ein Seminar bekochen? 

Sabnis: Zu Mittag gibt es zwei, drei Gemüsegerichte wie z. B. gemischtes Gemüse in Kokosmilch, einen Spinat mit Auberginen, ein Linsengericht und vielleicht auch einen Gemüseburger, also ein Gemüsepflanzerl; dazu gibt es Basmati-Reis. Und es gibt Papadam, also eine hauchdünne indische Linsenwaffel. 

Toepsch: Herrlich! Die habe ich auch schon mal gegessen. 

Sabnis: Dann gibt es noch Salat und als Nachspeise eine Mangocreme oder Kokosbällchen. 

Toepsch: Das hört sich ja alles zuerst einmal gar nicht so exotisch an, aber das Besondere an dieser Küche sind ja auch die Gewürze. 

Sabnis: Das müssen nicht nur Gewürze sein, denn ich koche z. B. auch oft mit Kräutern. Wenn die Kräutersaison anfängt, dann nehme ich, was bei uns wächst: Bärlauch, Thymian, Majoran, Spitzwegerich, Jungfrauengrün, also alles, was es hier so gibt. Natürlich verwende ich auch Gewürze, das ist klar, aber letztlich geht es in der ayurvedischen Küche um eine Art Harmonie, d. h. sie zielt nicht auf irgendwelche extremen Geschmacksrichtungen, sondern sie versucht, wirklich eine Harmonie aus den sechs Geschmacksrichtungen süß, sauer, salzig, scharf, bitter und herb herzustellen. 

Toepsch: Das sind ja ganz wichtige Schlagwörter, die ich immer wieder gelesen habe: Jedes Gericht hat also etwas mit diesen sechs Geschmacksrichtungen zu tun. 

Sabnis: Ayurveda basiert auf den fünf Elementen und von diesen fünf Elementen kommen die sogenannten Doshas: Vata, Pitta, Kapha. Was passiert, wenn man mit sechs Geschmacksrichtungen kocht? Dann sind die fünf Elemente zufrieden und auch die drei Doshas. Und auf diese Weise sind dann auch unsere Sinnesorgane zufrieden. Wichtig ist auch, dass man dadurch den Abstand zwischen den Mahlzeiten gut einhalten kann – denn diesen Abstand brauchen wir eigentlich. 

Toepsch: Bei uns in der Gesellschaft isst man ja dauernd irgendetwas. 

Sabnis: Wir essen in Deutschland ständig. 

Toepsch: Wie groß sollte denn der Abstand zwischen den Mahlzeiten sein? 

Sabnis: Mindestens viereinhalb bis fünf Stunden. 

Toepsch: Und dazwischen ist man nichts. 

Sabnis: Wenn man ayurvedisch kocht, dann ergibt sich dieser Abstand von alleine, denn man fühlt sich dann einfach wohler, leichter. 

Toepsch: Man hat also keinen Heißhunger zwischendrin. 

Sabnis: Genau. 

Toepsch: Sie haben vorhin von den Doshas gesprochen: Die müssen wir jetzt doch ein bisschen näher erklären. Die ayurvedische Küche ist ja nicht nur eine 

Küche, die man mit Gewürzen verfeinert, sondern eigentlich auch eine Lebensphilosophie, die die Menschen in diese Gruppen Vata, Pitta und Kapha einteilt. 

Sabnis: Das sind eher Typen und weniger Gruppen. Stellen Sie sich vor, die fünf Elemente sind so etwas wie ein Computer. Ein guter Rechner funktioniert aber nicht ohne Software. Die drei Doshas stellen in dieser Analogie die "Software" dar. Vata, Pitta und Kapha sind die Wirkungsprinzipien der Elemente bzw. stellen die Bioenergie dar. Jeder Mensch hat eines von diesen drei Doshas, manchmal hat er auch zwei Doshas, manchmal sogar drei. Aber in der Regel herrscht doch bei jedem Menschen ein bestimmtes Dosha vor. 

Toepsch: Woher weiß man, zu welchem Dosha man gehört? Bin ich selbst Pitta, Vata oder Kapha? 

Sabnis: Sie sind überwiegend Vata, das zweite Dosha bei Ihnen ist das Pitta. 

Toepsch: Was zeichnet denn Vata aus? 

Sabnis: Der Vata-Mensch hat ein schlankes Gesicht, die Augen sind klein, die Haare sind dünn und die Stimme ist weicher als bei den anderen beiden Doshas. Die Kapha-Stimme ist tief, bodenständig. 

Toepsch: Wahrscheinlich wird das auch ein etwas kräftigerer Mensch sein. 

Sabnis: Genau. Der Pitta-Mensch hingegen ist ein muskulöser, sportlicher Mensch. Der Vata-Mensch ist im Gegensatz zum Kapha-Menschen etwas schlanker. Aber jedes Dosha ist gleich gut, hat seine Eigenart. Da gibt es keine Rangordnung. 

Toepsch: Ich weiß also jetzt, zu welchem Dosha ich gehöre und welche Gerichte ich daher essen sollte. Was sollte ich zu mir nehmen als Vata-Mensch, wenn ich mich ayurvedisch ausrichten möchte beim Essen? 

Sabnis: Es gibt zwei Methoden: Sie sollten erstens Speisen bevorzugen, die süß-sauer-salzig schmecken, denn sie beruhigen den Vata-Menschen. Zweitens ist es so, dass Vata auf Raum und Luft basiert. Die fünf Elemente sind Raum, Luft, Feuer, Wasser und Erde. Pitta basiert auf Feuer und Wasser und Kapha basiert auf Erde und Wasser. Der Vata-Mensch basiert also auf Raum und Luft, d. h. bei ihm kommen Feuer, Wasser und Erde nur wenig vor. Dieser Mensch braucht also erwärmende Speisen, befeuchtende Speisen und schwerere Speisen. Das ist also die zweite Methode, d. h. man kann sich aussuchen, welche Methode man bevorzugt. 

Toepsch: Und was sind das konkret für Speisen, die ich zu mir nehmen sollte? 

Sabnis: Schwerere Speisen sind z. B. Eintöpfe, Suppen, Vollkornbrot oder auch Bratkartoffeln, wenn ich mich auf einheimische Speisen beziehe. Das heißt, man braucht hier keine exotischen Speisen. Gut sind auch Bratlinge. Das heißt, Sie brauchen etwas Schweres, etwas, was Sie erdet. Sehr wichtig für den Vata-Menschen ist aber auch die Regelmäßigkeit des Essens: Frühstück, Frühstück, Mittag, Mittag, Abend, Abend. Und dazwischen keine Naschereien usw. Die Regelmäßigkeit ist also wichtig für Vata-Menschen und dass sie sich erden. "Erden" kann man durch Yoga, durch Meditation, durch Kontemplation erreichen, aber auch durch Chigong. 

Toepsch: Wie sieht denn Ihr Tagesablauf aus, wenn Sie mir raten, ganz regelmäßig zu leben? 

Sabnis: Ich stehe um ungefähr 7 Uhr morgens auf ... 

Toepsch: Wie sieht Ihr Frühstück aus? 

Sabnis: Ich bin kein Frühstücksmensch, ich brauche nur meine zwei Tassen Tee am Morgen: klassischen indischen Chai. Dann meditiere ich eine halbe Stunde und mache mich anschließend frisch, um auf die Insel zu fahren. Dort bin ich dann von 9 Uhr morgens bis 19 Uhr am Abend und koche für die Hausgäste. Ich biete auch Seminare an zum ayurvedischen Kochen, und zwar regelmäßig ein, zwei Mal im Monat als Wochenendseminar. 

Toepsch: Was heißt, was ist "kochen" für Sie? 

Sabnis: Wenn ich kochen darf, dann bin ich der glücklichste Mensch der Welt. Das heißt nicht, dass ich irgendwie asozial veranlagt wäre, nein, es geht mir einfach gut, wenn ich koche: Das beruhigt meine Seele. Das ist für mich schon mehr als ein Gottesdienst, das ist alles für mich. Dass ich auf der Fraueninsel in diesem Kloster ayurvedisch kochen darf, ist für mich mehr als ein Sechser im Lotto. 

Toepsch: Sie machen das ja schon lange: Wird Ihnen das nicht langweilig? 

Sabnis: Nein, im Gegenteil, ich bin jeden Tag noch glücklicher. 

Toepsch: Was macht dieses Kochen aus? Ich glaube, das sind ja auch die Gewürze, die dabei eine Rolle spielen. Wir haben hier vor uns eine ganze Menge Gewürze stehen. Wir kennen diese Gewürze zwar durchaus, verwenden sie aber in der europäischen Küche ganz anders. 

Sabnis: Ich habe nur ein paar der wichtigsten Gewürze mitgebracht. Es gibt insgesamt 32 ganz wichtige Gewürze, aber ich habe nur ein paar mitgenommen: Das hier ist so etwas wie eine Gewürzdose, wie sie in Indien in jedem Haushalt steht. Das hier sind Bockshornkleeblätter, das hier ist Gelbwurz, das hier Kurkuma. Das hier ist Ajwain: Das ist ein sehr gutes Gewürz, besonders für Vata-Menschen. Es schmeckt wie wilder Selleriesamen oder Thymiansamen, ist aber weder das eine noch das andere. Der botanische Name von Ajwain lautet: Trachyspermum ammi. Dieses Gewürz ist sehr gut für den Bronchienbereich und besonders im Herbst und im Winter kann man daraus zur Prophylaxe gegen Erkältungen usw. auch Tees machen. Das hier ist Sternanis, das hier sind schwarze Senfkörner, das hier ist Steinsalz, auch Black Salt oder Kala Namak genannt. Dieses Salz ist schwefelhaltig und ... 

Toepsch: Das hört sich nicht besonders gesund an. 

Sabnis: Das ist einfach das beste Salz für Vata-Menschen. 

Toepsch: Wahrscheinlich nimmt man das aber nur in gemahlenem Zustand zu sich, oder? 

Sabnis: Das kann man im Mörser ganz leicht zermahlen. Es schaut zwar hart aus, ist aber leicht zerbrechlich. Das hier ist grüner Kardamom, der sehr beruhigend auf den Geist wirkt. Auch wenn man Schlafstörungen hat, also Durchschlafstörungen oder Einschlafstörungen usw., kann man Tees davon machen. 

Toepsch: Auch im Kaffee schmeckt Kardamom gut. 

Sabnis: Ja, die Araber geben in ihren Kaffee auch Kardamom und Muskat. Das hier ist rotes Curry ... 

Toepsch: Curry ist doch eine Gewürzmischung oder? 

Sabnis: Ja. 

Toepsch: Und was ist da alles drin? Ist das ein Geheimnis? 

Sabnis: Nein, gar nicht. Es gibt nur unendlich viele Currysorten: so viele verschiedene wie Einwohner in Indien! Denn jede Hausfrau macht ihr eigenes Curry. Das ist wie beim Apfelstrudel in Bayern: Da gibt es auch nicht nur ein einziges gültiges Rezept, denn das macht jeder ein bisschen anders. 

Toepsch: Machen Sie auch Apfelstrudel? 

Sabnis: Ich selbst? Nein, aber meine Frau. Sie macht den besten Apfelstrudel überhaupt. Aber ich mag auch Apfelküchel. Sie hat in Sachrang ihre eigene Pension, das "Haus Annapurna". Dort biete ich ja auch Kochkurse an. Im Curry ist eigentlich hauptsächlich Bockshornkleesamen drin und Gelbwurz, Chilipulver, Ingwer – hier habe ich auch eine recht große Ingwerwurzel mitgebracht – Kreuzkümmel usw. 

Toepsch: Und das alles wird schön klein gemahlen fürs Curry. 

Sabnis: Genau. 

Toepsch: Diese roten Fäden hier sind Safranfäden, oder? 

Sabnis: Ja, das sind Safranfäden. Das hier ist Sternanis, das ist getrockneter Ingwer. 

Toepsch: Safranfäden sind eigentlich sehr teuer, oder? 

Sabnis: Ja, die sind teuer. Safran ist eines der teuersten Gewürze überhaupt. Eigentlich ist das ja ein Frauengewürz. 

Toepsch: Was heißt das? 

Sabnis: Gewürze haben ja ihre Eigenschaften und ihre Heilwirkung. Warum benutzt man welches Gewürz wann? Das ist eine Wissenschaft für sich. Safran ist deshalb ein weibliches Gewürz, weil es den Frauen gut tut. 

Toepsch: Aber dass das alles nicht ganz so schwierig ist, kann man in einem Ihrer wunderbaren Kochbücher nachlesen. Ich habe ja ursprünglich gedacht, dass ich das nie lernen werde, aber inzwischen habe ich einige Sachen ausprobiert und ich habe das Gefühl, dass das alles tatsächlich nicht so unglaublich schwierig ist. Hier in Ihrem ayurvedischen Kochbuch stehen auch diese Dinge mit den Doshas drin, und zwar so, dass das Unsereiner wirklich verstehen kann. Es lohnt sich, das alles auszuprobieren, denn man kann auch die Lebensmittel, die es traditionellerweise bei uns gibt, mit ayurvedischen Gewürzen versehen: Sie schmecken auf einmal ganz anders und sind sehr gut bekömmlich. Es ist ja nun schon einige Zeit her, dass Sie dort im Kloster gelandet sind. Wie kam es denn, dass Sie eines Tages an die Klosterpforte geklopft haben? Wer hat Ihnen denn da aufgemacht? 

Sabnis: Ich bin mit dem Schiff von Gstadt aus rübergefahren! (lacht) Nein, es war einfach so, dass wir dort bei unserer Hochzeitsreise vorbeigekommen sind. Wir haben damals in der Nähe von Freising gewohnt und meine Frau Gabi und ich haben eben einen Ausflug gemacht aus Anlass unserer Hochzeit, weil wir einfach mal weg wollten aus Neufahrn. Wir landeten dann auf dieser Insel und für mich war das wie für ein Kind, wenn es in einen Spielwarenladen versetzt wird. Dort gab es Berge, den See, das Kloster, diese kleine Insel! Es war herrlich. Letztlich landeten wir bei der Klosterpforte und dort habe ich ein Plakat gesehen, dass dort an einem Wochenende auch Chigong-Seminare angeboten werden. Ich sagte daraufhin zu meiner Frau: Das wäre doch was für mich! Ich war ja erst kurz davor von einer langen Krankheit genesen, bei der ich auch lange Zeit im Krankenhaus gelegen hatte. Ich wollte einfach zu gerne an den Wochenenden für solche Seminare kochen. Aber man sagte mir, dass das nicht ginge, man hätte bereits jemanden usw. Ich habe aber nicht aufgehört und immer wieder im Kloster bei Frau Scholastica angerufen. Ich sage ja "Sister" zu ihr ... 

Toepsch: Man muss dazu sagen, dass Frau Scholastica Schottin, eine strenge Schottin ist. Sie gehört als Schottin zu dem Land, das Indien einst als Kolonialmacht beherrschte. Hat sie das irgendwann einmal gezeigt? 

Sabnis: Nein, nein. Ich muss sagen, sie ist wirklich mein Vorbild. 

Toepsch: Wie hat sie denn reagiert, als Sie angerufen haben? 

Sabnis: Da hatten wir keine so lange Kommunikation. Sie sagte nur, ich solle mich noch einmal melden. Aber der Chigong-Lehrer, der dieses Seminar angeboten hat, hat dann mit Frau Scholastica auch gesprochen. Er hat sie davon überzeugt, dass man speziell für diesen Kurs einen anderen Koch bräuchte. Und so habe ich dann dort zum ersten Mal mit meiner Frau zusammen gekocht. 

Toepsch: Ich kann mir auch vorstellen, dass ein Chigong-Seminar ein bisschen schwierig ist, wenn man mittags einen Schweinsbraten isst. 

Sabnis: Ich bin ja gar nicht gegen Schweinsbraten oder Schnitzel. Das gehört einfach zur Kultur hier und deswegen sollte das alles auch bleiben, genauso wie der Krautsalat, das Geräucherte usw. Aber wenn man ein Seminar zu Yoga oder Chigong oder Tai-Chi anbietet, dann müssen die Teilnehmer was Passendes essen, weil sie sich ja auch viel bewegen in so einem Seminar. Ayurvedisches Essen passt da einfach besser, und weil dort inzwischen mehr solche Seminare angeboten werden, ist natürlich auch der Bedarf nach meiner Küche gestiegen: Ich bin jetzt fast jeden Tag im Kloster. 

Toepsch: War Frau Scholastica dann sofort überzeugt oder hat sie Sie zuerst einmal zur Probe kochen lassen? 

Sabnis: Nein, dieses Seminar war sozusagen das Probekochen. 

Toepsch: Wie haben Sie sich denn in ihr Herz gekocht? 

Sabnis: Das war ja ein Wochenendseminar. Ich habe also am Freitag gekocht und auch am Samstag. Zu diesem Abendessen ist sie von Wolfgang eingeladen worden. Sie hat anschließend meinen Arm genommen und zu 

mir gesagt, dass ich dableiben könne. Ich weiß nicht, vielleicht hatte ich etwas gekocht, das ihre Seele berührt hatte. 

Toepsch: Was hatten Sie denn gekocht? 

Sabnis: Das war viel, und wenn ich mich richtig erinnere, war das eine Suppe, ein Krautburger, ein Gemüsereis, eine Rohkost mit drei, vier Dips. Es gab auch diese Linsenwaffeln, von denen ich vorhin erzählt habe. Es gab auch einen Tee, den wir dann nach Schwester Scholastica "Jolly-Tee" genannt haben: Das ist ein Gewürzapfeltee, für den das Rezept auch in meinem Buch steht. 

Toepsch: Wie lange kochen Sie dort jetzt schon? 

Sabnis: Sie wollen es genau wissen? 13 Jahre, sechs Monate und 18 Tage. Heute arbeite ich dort noch drei Stunden lang. 

Toepsch: So genau zählen Sie das? 

Sabnis: Ja. 

Toepsch: Das sind die glücklichen Tage in Ihrem Leben, denn Ihr Weg nach Europa war ja sehr verschlungen. 

Sabnis: Das kann man sagen. 

Toepsch: Wie sind Sie denn überhaupt hierher gekommen? 

Sabnis: Ich war früher mit einer Inderin verheiratet. 

Toepsch: Vielleicht sollten wir vorher noch sagen, dass Sie in Goa geboren sind, und zwar als Sohn eines Arztes. 

Sabnis: Nein, nein, mein Opa kommt aus Goa. Er war in den 20er Jahren in Heidelberg und hat dort Agrarwissenschaften studiert. Anschließend ging er zurück nach Indien, nach Nordindien, genauer gesagt nach Kanpur, in der Nähe der Hauptstadt Neu-Delhi. Ich selbst bin in Kanpur auf die Welt gekommen. Mein Vater hatte Medizin in Bombay, also in Mumbai studiert, wo ich selbst dann auch mein Studium gemacht habe: Dort habe ich alles über Ayurveda gelernt, dort habe ich die Hotelfachschule besucht usw. 

Toepsch: Zu welcher Kaste haben Sie denn in Indien gehört? Denn wir wissen ja, dass es in Indien dieses Kastenwesen gibt. 

Sabnis: Ich bin kein solcher Kasten-Fan, denn ich glaube, wir sind alle Kinder Gottes. Aber wenn Sie genau danach fragen: Ich bin ein Brahmane. 

Toepsch: Sie gehören also zu einer der höheren Kasten. 

Sabnis: Ich war dann also verheiratet und ... 

Toepsch: Wie kam es denn, dass Sie sich verheiratet haben? Denn ich habe gelesen, dass Sie relativ spät geheiratet haben. Und das Heiraten in Indien geht ja anders vor sich als bei uns – wobei ich nicht weiß, ob es dort heute noch so ist wie bei Ihnen damals. 

Sabnis: In Indien läuft das mit der Ehe u. a. wegen des Kastensystems ganz anders als hier. Ein Mann sollte mit 24 Jahren verheiratet sein, eine Frau mit 20 oder mit 21. Wenn man älter ist und unverheiratet, denn denken die Menschen ... 

Toepsch: Sie waren aber schon älter, als Sie geheiratet haben? 

Sabnis: Ich war 31 Jahre alt. Ich wollte eigentlich gar nicht heiraten, aber ... 

Toepsch: Das ging nicht, Sie mussten heiraten. 

Sabnis: Nein, es war einfach so, dass meine Mutter immer wieder gesagt hat: "Schau mal, dein jüngerer Bruder hat sogar schon einen neunjährigen Sohn!" Denn mein Bruder war erst 22 Jahre alt, als er geheiratet hat. Irgendwann habe ich also gesagt: "Gut, dann suchst du bitte eine Frau für mich!" 

Toepsch: Aha. 

Sabnis: Und tatsächlich hat sie dann über eine Vermittlungsfirma jemanden für mich gefunden. Es gibt dafür richtige Agencys ... 

Toepsch: Das ist ganz üblich in Indien? Auch heute noch? 

Sabnis: Das ist der Klassiker. Es geht auch anders, aber normalerweise läuft das so. Sie hat also tatsächlich eine junge Frau aus Goa vermittelt bekommen. Im Januar 1991 haben wir geheiratet, dann wurde sie schwanger und am 20. November kam unser Mädchen "Lakshmi" zur Welt. 

Toepsch: Das ist ein sehr schöner Name, ich glaube, das ist der Name einer Göttin, oder? 

Sabnis: Ja, das ist die Göttin der Schönheit und Glückseligkeit. Am nächsten Tag ist meine Frau, wie das in Indien üblich ist, zu ihren Eltern gegangen ... 

Toepsch: Das heißt, nach der Geburt geht die Mutter mit dem Neugeborenen zuerst einmal zu ihren Eltern. 

Sabnis: Ja, das ist sozusagen eine Reha-Maßnahme für die Mutter. 

Toepsch: Das kann man gut verstehen, das ist eigentlich keine schlechte Idee. 

Sabnis: Nach ein paar Wochen sollte sie dann mit dem Kind zu mir zurückkommen und das Kind getauft werden. Aber sie kam nicht zurück – sie und ihre Familie sind nämlich alle ausgewandert. 

Toepsch: Ihre Frau ist also mit Ihrem Kind nicht zurückgekommen. 

Sabnis: Ja. Da ging es mir dann nicht sehr gut. 

Toepsch: Das heißt, Sie sind darüber krank geworden? 

Sabnis: Ja. Ich habe dann entschieden, dass es so nicht weitergehen könne und dass ich etwas anderes anfangen müsse. Ich hatte zwei Jahre lang versucht, meine Frau und meine Tochter zu finden, hatte aber überhaupt keinen Erfolg dabei. Ich habe dann angefangen, Indien richtiggehend zu hassen: Ich war einfach schockiert darüber, dass so etwas möglich ist. 

Toepsch: Aber hat man da keine Kontaktadressen gehabt? 

Sabnis: Oh, da gibt es einfach kein Einwohnermeldeamt wie hier in Deutschland. Und suchen Sie mal ein Mädchen in einem Land mit einer Milliarde Einwohner. Ich habe nicht nur in Indien gesucht, sondern auch im Ausland. Nach zwei Jahren habe ich das Angebot bekommen, hier in Deutschland als Koch zu arbeiten. So kam ich in die Nähe von München und habe dort knapp zwei Jahre gearbeitet. Aber eines Tages bin ich dann in Ohnmacht gefallen und ins Krankenhaus gekommen. 

Toepsch: Sie hatten ja auch sehr "reduziert" gewohnt, nämlich in einem Kellerloch. 

Sabnis: In einem Keller und das WC war außerhalb des Hauses, weswegen ich mich immer erst anziehen musste, wenn ich aufs WC gehen musste. Ja, das waren halt so die Erfahrungen, die ich gemacht habe. 

Toepsch: Sie hatten dort jedenfalls gekocht und in Indien hatten Sie ja auch schon einen Partyservice oder so etwas ähnliches. 

Sabnis: Ich war in Indien ein erfolgreicher Gastronom: Ich hatte sechs Cafeterias für das Personal der indischen Marine! Ich habe mit 25 Jahren damit angefangen und hatte dann zum Schluss sogar 33 Mitarbeiter, weil ich binnen sechs, sieben Jahren sechs Cafeterias aufgebaut hatte. 

Toepsch: Diese familiäre Situation, die Sie ursprünglich eigentlich gar nicht hatten haben wollen, hat Sie dann so umgeworfen. 

Sabnis: Ja. Aber ich bereue nichts. Ich sage heute immer: Indien ist mein Land, aber Bayern ist meine Heimat. Denn ich fühle mich wohl hier, werde hier geliebt, habe meine Frau hier ... 

Toepsch: Sie haben vorhin erzählt, dass Sie während der Arbeit in Ohnmacht gefallen sind. Und dann ging es ins Krankenhaus. 

Sabnis: Ja, das stimmt. 

Toepsch: Wie ging es dann weiter? 

Sabnis: Es war diese Vergangenheit, die mich krankgemacht hatte: Ich hatte alles in mich hineingefressen und irgendwann hat es dann eben gekracht. Deutschland war ja auch ein fremdes Land für mich, d. h. ich konnte mit niemandem sprechen. 

Toepsch: Sie waren ganz alleine hier? 

Sabnis: Ja, und ich konnte ja auch kein Deutsch. 

Toepsch: Wie sind Sie denn überhaupt darauf gekommen, nach Freising zu gehen? 

Sabnis: Ich habe in Mumbai den Bruder eines Freundes von mir getroffen, der in Deutschland ein Restaurant hatte. Dort wollte er eine indische Abteilung aufmachen, also hat er mich eingeladen und mir einen Dreijahresvertrag gegeben als Spezialitätenkoch. So bin ich nach Deutschland gekommen. Letztlich war das für mich so etwas wie eine Flucht aus Indien: Ich wollte mit niemandem mehr reden. Diese Flucht war aber letztlich doch eine sehr schwierige Reise, was dazu geführt hat, dass ich krank geworden bin. Ich kam auf die Intensivstation, weil man entdeckt hatte, dass sich in meinem Magen-Darmtraktbereich eine Zyste gebildet hatte. Deswegen wurde ich operiert. Als ich auf dem Operationstisch lag, hatte ich noch 30,2 Kilo, so abgemagert war ich. 

Toepsch: Wie groß sind Sie? 

Sabnis: Ich bin 1,70m groß. 

Toepsch: Oh Gott, Sie waren eigentlich nur mehr ein Skelett. 

Sabnis: Ja, ich wog fast gar nichts mehr. Aber Ayurveda hat mir die Kraft gegeben weiterzuleben, denn ich hatte eigentlich keine Chance mehr: Meine 

Bauchspeicheldrüse ist herausoperiert, meine Milz ist weg und die Hälfte des Magens ist weg. 

Toepsch: Das heißt, Sie müssen Insulin spritzen. 

Sabnis: Ja, ich trage eine Insulinpumpe. Ayurveda hat mir jedenfalls die Kraft gegeben weiterzuleben. Ich fühle mich seitdem wie neugeboren und bin heute fast jeden Tag auf der Insel. 

Toepsch: Wie sind Sie denn da wieder zu Kräften gekommen? Sie lagen ganz alleine im Krankenhaus und waren todkrank. Wie ging es da weiter? 

Sabnis: Im Krankenhaus habe ich meine jetzige Frau kennengelernt, denn sie hat dort im Sozialdienst gearbeitet. Sie hat mir durch ihre Liebe diese Kraft gegeben. Auch Frau Scholastica hat mir sehr geholfen, ebenso wie meine netten Mitarbeiterinnen. Das heißt, ich habe sehr viele nette Menschen kennengelernt und nur noch positive Erfahrungen gesammelt. Das war es, was mir Kraft gegeben hat. 

Toepsch: Sie haben so viele positive Erfahrungen gesammelt, dass Sie in Gstadt – das ist die Schiffsanlegestelle, wenn man auf die Fraueninsel fahren möchte – sogar einen Friedensgarten bauen konnten: Sie haben dafür nämlich ganz einfach ein Grundstück geschenkt bekommen. Das ist ja alleine fast schon ein Wunder. 

Sabnis: Das meine ich auch. Ich bekam dieses Grundstück vom Rappl Sepp aus Gstadt geschenkt: einfach so. 

Toepsch: Das Grundstück liegt wunderschön mit Blick auf die Fraueninsel. Was heißt "Friedensgarten"? Was haben Sie dort gemacht, wie haben Sie diesen Garten gestaltet? 

Sabnis: Das ist ein Dankeschön an Euch, an Deutschland, an die Menschen, die mein Leben gerettet haben. Denn eigentlich war es ja die moderne Medizin, die mein Leben gerettet hat. Ich bekam also dieses Grundstück geschenkt und ich dachte mir: Das, was wir alle brauchen, ist Friede in unserem Leben, und zwar nicht nur auf der Welt, sondern überall, auch in den persönlichen Beziehungen. Denn Frieden ist ein Weg und kein Ziel. Das ist wie beim Glück: Auch das Glück ist ja kein Ziel, sondern ein Weg. Das heißt, der Weg ist das Ziel. Ich habe mir also gedacht, einen Friedensgarten bauen zu wollen. Darüber habe ich auch mit Frau Scholastica gesprochen, und sie hat zu mir gesagt: "Ja, mach das!" Gestaltet ist dieser Garten vor allem mit Zahlen: Die Zahl acht bedeutet die Unendlichkeit usw. Alle Dinge, die es dort gibt, sind einheimisch, auch die Ostbäume ... 

Toepsch: Es stehen dort, glaube ich, mehrere Obstbäume. 

Sabnis: Es sind 12 Obstbäume und der 13. Obstbaum ist ein Apfelbaum, der in der Mitte steht, dort, wo die Pyramide ist. 

Toepsch: Das ist eine Steinpyramide. Warum einen Apfelbaum als 13. Baum? 

Sabnis: Das ist einfach ein Symbol, denn das ist alles symbolisch gemeint. In diesem Garten stehen keine Figuren von irgendwelchen Gottheiten, nein, das ist alles symbolisch: ein universaler Garten des Friedens. 

Toepsch: Die Steinpyramide in der Mitte wird ja erstaunlicherweise immer größer. Denn da liegen Steine, auf denen etwas geschrieben steht. 

Sabnis: Ich wollte einfach einen schönen Garten gestalten und ihn dann loslassen. Aber jetzt ist das so eine Art Klub geworden: Es kommen viele Besucher, die auch etwas mitbringen, nämlich persönliche Sachen. Sie bringen auch kleine Zettel mit Wünschen mit, die sie im Garten deponieren. Ich lasse diese Zettel selbstverständlich immer dort und nehme sie nicht weg. Auf so einem Zettel steht meinetwegen: "Befreie mein Kind von seiner Depression!" oder "Liebe ist das Wichtigste" usw. Viele Steine sind so beschrieben: Sie stammen von den Besuchern. 

Toepsch: Das steht also alles auf den Steinen drauf. 

Sabnis: Ja. Dieser Garten wird von den Menschen sehr geachtet, d. h. da ist bis heute nichts Negatives passiert, da gab es keinen Vandalismus usw. 

Toepsch: Denn dieser Garten steht ja auf freiem Feld. 

Sabnis: Ja, dieser Garten für den Frieden steht direkt an einer großen Straße mit direktem Blick auf die Insel – und nicht irgendwo in der Pampa versteckt irgendwo im Eck. 

Toepsch: Was steht denn auf den Steinen drauf? Auch Wünsche? 

Sabnis: Das sind auch persönliche Sachen wie z. B. die Namen von Paaren oder von Kindern oder irgendein Geburtsdatum usw. 

Toepsch: Dieser Garten ist also so etwas wie ein kleiner Wallfahrtsort für den Frieden geworden. 

Sabnis: (lacht) Eine Mitarbeiterin von mir hat sogar schon gesagt: "Wenn du stirbst, dann kommt deine Asche dort in den Garten. Und dann werden jede Menge Busse dorthin kommen und ich kann Eintritt kassieren!" 

Toepsch: Hoffen wir, dass das noch in weiter Ferne liegt. Dieser Garten hat eine Umrandung und dort stehen rings um den Garten herum Holzskulpturen. Sind das alles Geschenke? 

Sabnis: Ja, das sind alles Geschenke. Gut, der Garten selbst hat mich schon etwas gekostet: Das Geld dafür habe ich erarbeitet und angespart. Die Holzskulpturen stammen von einem Freund von mir aus Rimsting, wo er ein Sägewerk besitzt. Er hat mir diese Figuren geschenkt. Wissen Sie, Leben ist nichts anderes als Schwingung und Information. Diese Holzskulpturen sind ebenfalls einfach nur Schwingung, d. h. es ist dort in diesem Garten alles so gestaltet, dass es harmonisch ist, dass es dort nichts Unruhiges gibt, denn das ist ein Garten des Friedens. 

Toepsch: Hat dieser Garten auch etwas mit Ihrer Tochter zu tun? 

Sabnis: Ich habe diesen Garten an ihrem 18. Geburtstag eröffnet. 

Toepsch: Sie hatten jedoch Ihre Tochter bis dahin nicht wiedergesehen. 

Sabnis: Kurz danach habe ich sie zum ersten Mal wiedergesehen. Die Eröffnung und ihr Geburtstag waren am 20. November. Sechs Wochen später, im Januar, habe ich sie dann zum ersten Mal wiedergesehen. 

Toepsch: Wie kam das? 

Sabnis: Bei Matthäus 7, Vers 7 heißt es: "Wer suchet, der findet!" 

Toepsch: Das heißt, Sie haben die ganzen Jahre über weitergesucht? 

Sabnis: Ja, ich habe gesucht und gesucht und gesucht. 

Toepsch: Wie haben Sie das gemacht? 

Sabnis: Von hier aus, und ich habe auch in Indien gesucht. 

Toepsch: Wie kam es, dass Sie auf einmal Ihre Tochter gefunden haben? 

Sabnis: Wie gesagt, am 20. November habe ich den Garten eröffnet. Am 16. Dezember war dann mein Geburtstag. Normalerweise bin ich an meinem Geburtstag nicht in Indien, aber da das mein 50. Geburtstag war, habe ich mir gedacht, ihn in Indien zu feiern, um dort mit meinen Verwandten und alten Freunden und Bekannten ein Fest zu feiern. Sie wollten mir natürlich alle etwas schenken, Töpfe z. B. für meine Arbeit hier in Deutschland. Ich habe meinen Freunden in Indien aber gesagt: "Nein, ich brauche nichts. Wenn Ihr mir etwas schenken wollt, dann helft mir, meine Tochter Lakshmi zu finden." Nach meinem Geburtstag war ich dann über Heiligabend und Silvester in Goa. Am 4. Januar habe ich von einem Freund, der bei meinem Geburtstagsfest dabei gewesen war, einen Anruf bekommen: Er habe eine Ahnung, wo Lakshmi sein könnte. Er war es eigentlich, der mir den entscheidenden Tipp gegeben hat. Am 8. Januar habe ich sie dann endlich gefunden: Sie lebt heute in Poona, in der Nähe von Bombay. 

Toepsch: Haben Sie sie denn wiedererkannt? Denn ich meine, Sie haben Ihre Tochter ja nach dem allerersten Tag nie wieder gesehen. 

Sabnis: Ich könnte bei diesem Thema eigentlich sofort weinen. Ich habe sie nicht alleine aufgesucht, sondern meine ganze Familie hat mich begleitet, also meine Mutter, mein Bruder usw. Ich sollte am 10. Januar zurückfliegen und wiedergetroffen habe ich sie am 8. Januar. Meine Familie wartete unten im Gebäude und ich ging alleine nach oben in den 5. Stock. Meine Familie hatte nämlich Angst um mich und meinte: "Lass es sein! Es kann fürchterlich schief gehen, wenn du sie siehst." Aber was kann da schief gehen? Ein Papa sucht seine Tochter! Das muss man einfach machen. Ich ging also hoch und habe geklingelt. Und dann hat sie, also Lakshmi, die Tür aufgemacht und mich gefragt: "Wen suchen Sie?" Ich habe ihr geantwortet: "Ich suche dich!" Und dann war es ihr auch klar: die Augen ... 

Toepsch: Sie haben sich also sofort erkannt. Hat sie denn von Ihnen gewusst? 

Sabnis: Eigentlich "jein". Meine Exfrau hatte ihr – das habe ich aber erst später erfahren – immer gesagt: "Dein Papa lebt im Ausland." Das war zwar eine Lüge von ihr, aber in Wirklichkeit entsprach es der Wahrheit. Und sie meinte immer zu ihr, ihr Papa hätte keine Zeit für die Familie. Warum und wie das alles passiert ist damals, hat meine Exfrau Lakshmi also nicht erzählt. 

Toepsch: Haben Sie da nicht Zorn oder Wut bekommen? 

Sabnis: Das ist einfach vorbei, das gehört zur Vergangenheit. Das Leben spielt sich im Hier und Jetzt ab. Das Gestern ist vorbei. Was morgen ist, weiß ich nicht, das weiß niemand. Ich lebe also für das Jetzt. Der Augenblick, den wir genießen können, ist das Schöne im Leben. Wenn wir miteinander telefonieren, dann ist das für mich quasi wie eine Seelenmassage. 

Toepsch: Es gab jedenfalls keine Auseinandersetzung. 

Sabnis: Nein. Da ist alles vergeben. Es ist vorbei, da muss man im Nachhinein nichts mehr machen. 

Toepsch: Heute sehen Sie also Ihre Tochter regelmäßig. Was macht sie heute? Sie müsste ja um die 20 sein jetzt. 

Sabnis: Sie ist im letzten November 20 Jahre alt geworden und studiert Informatik bzw. Computerelektronik und ist dort im dritten Semester. 

Toepsch: Mit Kochen hat sie nichts im Sinn? 

Sabnis: Doch, doch! Ich habe daher mal zu ihr gesagt: "Dass du dein Studium machst, freut mich sehr. Aber du solltest auch daran denken, dass du eines Tages Besitzerin von "Laxmi Foods & Services" sein kannst." 

Toepsch: Was heißt das? 

Sabnis: Als ich hierher nach Deutschland gekommen bin, hatte ich gerade mal 50 Mark in der Tasche und eine kaputte Ehe hinter mir. Heute habe ich alles, was ich brauche. Wenn sie möchte, dann kann sie eines Tages meine Geschäfte hier in Deutschland weiterführen. Ich gehe dann in Rente und ziehe mich in den Himalaja zurück oder bleibe mit ihr hier in Deutschland. 

Toepsch: Aber ein bisschen bleiben Sie schon noch hier bei uns und kochen für uns. 

Sabnis: Ja, doch, das ist für mich ja das Höchste: Das Kochen ist meine Leidenschaft, das ist für mich wie ein Gottesdienst, das ist alles für mich. Auch Bücher zu schreiben und zu Singen ist mir wichtig. 

Toepsch: Damit wären wir wieder bei den Büchern angekommen. Es gibt eine ganze Menge von Büchern dazu. Wir haben ja schon ein bisschen was über die ayurvedische Küche gelernt: Sie ist zwar schon ein wenig kompliziert, d. h. ich denke, es ist nicht so ganz einfach, alles zu verstehen, aber man muss gar nicht alles bis ins letzte Detail verstehen, um ayurvedisch kochen zu können. Es gibt daher auch ein Buch von Ihnen mit dem Titel "Ayurveda-Küche: schnell und unkompliziert". Ich habe natürlich sofort ein paar dieser Rezepte ausprobiert: Diese Küche ist wirklich schnell und unkompliziert. Das Einzige, was man wirklich braucht, sind ein paar Grundgewürze. Welche wären das? 

Sabnis: Zu den Grundgewürzen gehören Kreuzkümmel, Senfkörner, Curryblätter, frischer Ingwer, Kurkuma und vielleicht noch ein paar Kokosflocken oder Kokosmilch. Das reicht eigentlich schon. Ich bin überzeugt davon, dass es keine schnellere Küche gibt als diese hier. 

Toepsch: Das ist wirklich sehr unkompliziert, das stimmt. 

Sabnis: Ich will hier nicht angeben, aber ich habe das ja alles selbst ausprobiert: Das dauert höchstens sieben bis acht Minuten. 

Toepsch: So schnell war ich natürlich nicht. 

Sabnis: Ich schreibe jetzt ein neues Buch für den gleichen Verlag über die ayurvedische Küche zum Abnehmen und zum Entschlacken. Die Rezepte darin werden glutenfrei und laktosefrei sein. Mit diesem Buch bin ich gerade beschäftigt. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer meiner Seminare sagen auch, dass diese Küche schneller sei als alles, was sie sonst gewohnt sind. 

Toepsch: Wenn das auch bei mir keine sieben oder acht Minuten waren – aber es stimmt, diese Rezepte gehen sehr schnell. Sie verwenden ja auch ein ganz bestimmtes Fett für Ihre Speisen: Das ist eine spezielle Butter mit dem Namen "Ghee". 

Sabnis: Ghee ist reines Butterfett: Bei dieser Butter sind keine Eiweißrückstände mehr vorhanden. Man nimmt dafür ganz normale Butter, die man ungefähr 15 bis 20 Minuten lang kocht: Das, was dabei übrig bleibt, ist reines Butterfett mit dem Namen Ghee. Ghee ist das A und O der ayurvedischen Küche. 

Toepsch: Warum macht man das? Warum werden die Eiweißrückstände entfernt bei diesem Fett? 

Sabnis: Weil das Ghee ewig haltbar ist. Ayurveda ist ja ungefähr 4000 bis 5000 Jahre alt: Damals gab es selbstverständlich schon Kühe – aber noch keine Kühlschränke. Deswegen wurde damals Ghee "erfunden": weil sie ewig haltbar ist. 

Toepsch: Weil kein Eiweiß mehr drin ist. 

Sabnis: Genau. Das ist die Basis der ayurvedischen Küche – so wie in der mediterranen Küche das Olivenöl. 

Toepsch: Olivenöl verwenden Sie ja nie. 

Sabnis: Man kann auch Olivenöl verwenden. Man kann Olivenöl, Rapsöl, Erdnussöl, Kokosnussöl usw. verwenden. Aber das kommt dann auf die persönlichen Vorlieben und Bedürfnisse an, während Ghee universal geeignet ist, es ist für alle drei Doshas geeignet. Die ayurvedische Küche ist nämlich ansonsten eine sehr individuelle Küche: Kokosnussöl ist z. B. gut für Pitta, Sesamöl ist gut für Vata, Senföl ist gut für Kapha. Das macht die Sache natürlich auch kompliziert. Ich jedoch mache das wieder einfacher für die Leserinnen und Leser und empfehle Ghee, weil Ghee für alle drei Doshas gut ist. 

Toepsch: Ich möchte jetzt am Schluss gerne noch einmal auf Ihre persönliche Geschichte zurückkommen. Sie haben ja indische Namen, aber Nicky ist kein indischer Name. Wie kommen Sie denn zu diesem Namen? 

Sabnis: Ich habe zwei Vornamen: Nicky und Sitaram. Auf den Namen Sitaram bin ich getauft worden. Später war es jedoch so, dass mein Vater ein großer Fan von Niki Lauda wurde. 

Toepsch: Ach so. 

Sabnis: Ja, und deswegen bekam ich von ihm den zweiten Namen "Nicky" – allerdings mit "y". 

Toepsch: Für uns Europäer ist natürlich "Nicky" leichter zu merken als Sitaram. Sind Sie denn auch so ein Autonarr wie Ihr Vater geworden? 

Sabnis: Auto? Und wie! Außer dem Kochen liebe ich vor allem noch zwei Dinge: die Natur, also den Garten und die Steine, und Autos. 

Toepsch: Sie haben daher auch einen Porsche. Aber einen Porsche mit Anhängerkupplung. Das ist etwas ganz Spezielles. Ich glaube, das ist der einzige Porsche auf der Welt mit Anhängerkupplung. Warum das? 

Sabnis: Das soll bedeuten: "Dieser Autofahrer ist ein Arbeiter!" 

Toepsch: Und was hängen Sie da dran? 

Sabnis: Nichts, die ist nur Deko. Man darf an einen Porsche keinen Anhänger anhängen. Mit einem 11er-Schlüssel ist sie auch ganz schnell demontiert. Wenn ich zum TÜV fahre, muss ich sie immer vorher abbauen. Diese Anhängerkupplung ist wirklich nur angeschraubt und in ein paar Minuten ist sie wieder entfernt. 

Toepsch: Sie haben die Anhängerkupplung also nur zum Spaß montiert. 

Sabnis: Ja, das ist reine Deko. 

Toepsch: Damit jeder staunt, wenn er Ihren Porsche mit Anhängerkupplung sieht. 

Sabnis: Das ist ein Stilbruch! 

Toepsch: Was sind Ihre nächsten Ziele? Sie haben vorhin von einem Buch gesprochen: Was wird das für ein Buch sein? 

Sabnis: Das wird, wie gesagt, im gleichen Verlag erscheinen und es wird darin um die ayurvedische Küche zum Abnehmen und Entschlacken gehen. Und privat möchte ich noch einen Friedensdom bauen – und zwar gegenüber vom Friedensgarten. Das soll ein Dom werden, der wir ein Iglu aussieht. 

Toepsch: Also auf der anderen Seite der Straße? 

Sabnis: Ja. 

Toepsch: Und das Grundstück dafür gibt es bereits? Ist Ihnen das auch geschenkt worden? 

Sabnis: Ja, dieses Grundstück gibt es bereits. 

Toepsch: Aus was wollen Sie diesen Dom bauen? 

Sabnis: Aus Lehm und Steinen. Das soll wirklich ein riesengroßer Iglu werden: mit fünf Eingängen für die Weltreligionen. Innen drin soll es eine Art Arena geben, in der ein Feuer brennt. Denn das Leben an sich ist ja wirklich interessant: Einer sagt, er sei katholisch und daher der Größte. Ein anderer sagt, er sei Hindu und deswegen der Größte. Der Dritte sagt, er sei Moslem und deswegen der Größte. Der Vierte sagt, er sei Buddhist und deswegen der Größte. Und der Fünfte sagt, er sei Jude und deswegen der Größte. Das sind irgendwie die fünf Finger und der berühmte Benediktinerpater Griffiths, der ja lange in Indien gelebt hat, hat dazu einmal gesagt: "Die einzelnen Finger einer Hand sind nicht wichtig. Wichtig ist das, woran die Finger festgemacht sind, die Handfläche. Denn die Mitte der Handfläche ist das Entscheidende, ist der Kern: Das ist das Herz." Es kommt also nicht darauf an, welcher Religion man angehört, sondern es kommt darauf an, ob man ein Herz hat. Ich halte es ja mit der ayurvedischen Küche genauso: Ich sage nicht, sie sei die beste Küche überhaupt auf der Welt. Nein, auch die Küche des Zen ist gut usw., denn jede Kultur hat etwas Gutes anzubieten. Ayurveda ist halt nur mein Weg und ich gehe diesen Weg. Weil ich dadurch den Kern gefunden habe: das Herz. 

Toepsch: Das ist ein wunderschönes Schlusswort: Man braucht im Leben Herz, Liebe und Frieden. Ich danke Ihnen, Herr Sabnis. 

Sabnis: Ich danke Ihnen. 

Toepsch: Das war das alpha-Forum. Unser Gast war heute Nicky Sitaram Sabnis, ein indischer Koch, der in einem bayerischen Frauenkloster ayurvedische Gerichte serviert. Vielen Dank fürs Zusehen und auf Wiedersehen bis zum nächsten Mal. 

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